Ein kleines Stückchen Haut

Als das Landgericht Köln am 7. Mai sein Urteil zum Beschneidungsverbot in die Welt entsandte, konnte es niemandem dort engangen sein, welches mediale Feuer man damit entfachte. Nun ist die Diskussion um die Rechtmäßigkeit einer Zirkumzision kein erst gestern aufgeworfenes Thema, im Gegenteil, selbst die Rechtmäßigkeit ist spätestens seit der Unterzeichnung der UN-Kinderrechtskonvention 1990 umstritten. Doch die Vehemenz, mit der der Zentralrat der Juden, Kirche und Politik für ein vermeintliches „Grundrecht“ ins Feld ziehen, dürfte dann doch neu sein.

So war ein Statement der deutschen Bischofskonferenz lediglich eine Frage der Zeit:

Im Judentum ist die Beschneidung von Jungen, die in der Regel am achten Tag nach der Geburt erfolgt, eine biblisch begründete Pflicht der Eltern. Sie wird von zur Beschneidung ausgebildeten Fachleuten durchgeführt. Die Beschneidung markiert nicht nur die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk, sondern wird vor allem als das Zeichen des Bundes mit Gott verstanden.

Quelle

Die Begründungen der Beschneidungsbefürworter haben dabei durchaus ihre Berechtigung. Ja, bei durchgesetztem Verbot müsste man damit rechnen, dass betroffene Familien die Prozedur im Ausland (oder unter unhygienischen Umständen) durchführen lassen. Ja, ein Verbot der Beschneidung käme de facto einer erneuten Kriminalisierung des Judentums gleich. Und ja, wer sein 5-Jähriges Kind piercen lassen möchte, bräuchte ab sofort einen sehr erprobten Anwalt. Wie bitte, würden Sie nie machen? Ach dann brauchen Sie ja zum Glück keine schriftliche Einwilligung für das Tragen von Ohrringen. Doch wer eine Diskussion im Keim erstickt, deren Auswirkungen Folgen für knapp ein Drittel der männlichen Weltbevölkerung haben, hilft der Sache nicht im geringsten.

Gottes Recht und Teufels Beitrag

Der Kommentar der deutschen Bischofskonferenz überrascht da wenig, hängt man doch selbst mit seidenem Faden an einem starken Erziehungsrecht der Eltern. Denn Bischof Mussinghoff hat Recht wenn er sagt

Die Freiheit, sich zu einem anderen Zeitpunkt von der Religion der Eltern abzuwenden, wird durch die Beschneidung in keiner Weise eingeschränkt.

Quelle

Für das in physischer Form nicht vergleichbare Taufen seiner eigenen Religion gilt das jedoch nicht. Das Austreten aus den steuerlichen Verpflichtungen gegenüber der katholischen Kirche mag zwar einfach sein, eine endgültige Verabschiedung aus dem römischen Reich ist allerdings nicht vorgesehen. Auch ist der Ton, mit dem flapsig über die „muslimischen Bräuche“ und die „verpflichtende religiöse Tradition“ gesprochen wird, zumindest verwirrend, vor allem, wenn man den regelmäßigen Aufschrei über scheinbares Scharia-Recht auf deutschem Staatsgebiet betrachtet.
Der doch recht rationale Vorschlag, derartige Eingriffe als Religionsinhalt doch mal zu überdenken, geht am Thema vorbei. Leider. Selbst ach so moderne Religionen wie das aufgeklärte Christentum würden wohl aufschreien, wenn man ihnen den Weihrauch wegen zu hoher Feinstaubbelastung ankreiden würde.
So ist eine kirchliche Solidarität nicht nur interessensgeleitet, sondern so sicher wie das Amen im Gebet.

/ar

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s