There’s a storm coming, Mr. Wayne

Am heutigen 22. Juli jährt sich das Attentat auf der Insel Utøya zum ersten Mal und Medium um Medium versucht, in mahnender Rührung an die schrecklichen Bilder zu erinnern. Dass es ihnen schwer fällt, damit ein großes Publikum zu erreichen, liegt jedoch nicht an üblicher Unaufmerksamkeit von LeserInnen und Tagesschau-Schläfern. Es liegt, wie es der unglückliche Zufall so will, an aktuelleren Anlässen.

Am 20. Juli 2012 erschoss James Holmes, ein 24-jähriger Student und Waffenbesitzer, in Aurora, Colorado, 12 Menschen und verletzte mindestens 38 weitere Personen schwer. Zu seiner Ausrüstung zählten Sturmgewehr, 6000 Munitionspatronen und eine Gasmaske. Was ihm offenbar fehlte, war ein Motiv. Das Attentat geschah während der Mitternachts-Premiere von „The Dark Knight Rises“, gefundenes Fressen also für Boulevard in seinen schlimmsten Auswüchsen. Stilisierungen zum „Batman-Killer“ sind dabei geschenkt, Fotostrecken mit Batman-Bösewichten wohl auch. (klick)

Aber selbst seriösere Medien wie die F.A.Z. oder Lokalzeitungen wie die Südtiroler Tageszeitung Dolomiten scheinen sich nicht von derartiger Berichterstattung distanzieren zu wollen. Neben unbestätigten (und wahrscheinlich sehr ungenauen) Beschreibungen a la „Täter trug Gasmaske wie im Film“ (Dolomiten, Samstag/Sonntag, 21.22.Juli 2012) halten es beide Medien für angebracht, ihre Berichterstattung mit mehreren Absätzen Inhaltsangabe anzureichern.

Attentat schön und gut, wann kann ich nochmal Tickets bestellen?

Doch es gilt ja auch ein Feuilleton zu füllen, am besten voller Querverbindungen und Rückbezüge, auch wenn man sie mit Fäusten in den harmlosen Kontext einer Rezension boxen muss. So sieht die B.Z. Holmes als den Joker, der Schweizer Tagesanzeiger als Bösewicht Bane und Claudius Seidl stellt für die F.A.Z. die folgenschwere Frage „Wie sollen wir jetzt schauen auf den neuen Batman-Film?“. Mit offenen Augen, hoffentlich.

Das Entsetzen jedenfalls wird nur noch größer, wenn man sich vor Augen führt, was das für ein Film ist, von dem die Leute in Aurora nur die erste halbe Stunde sehen durften: wovon er erzählt, und was er mit seinen Zuschauern macht.

Es geht um den Hass in diesem Film, einen Hass, der keine Begründung braucht und keine Absicht als die totale Zerstörung von Gotham City hat, einen Hass auf den Westen, dessen Dekadenz und Zügellosigkeit, einen Hass auf alles, was Amerika ist, einen Hass, der einerseits, so unbedingt und grausam ist und voller Lust am Hassen, wie es das nur im Kino gibt.

Quelle

Das Entsetzen eines Attentats verstärkt sich nicht durch Filmbezüge, es verstärkt sich durch Opfermeldungen und Trauerbildern und Nachahmungen. Den einzigen direkten Bezug, den Attentat und Filmvorführung im Moment zulassen ist der, dass sie am selben Ort passierten, was die Frage nach richtiger Rezeption überflüssig macht. Wie das Ende des Artikels richtig feststellt, ist es in erster Linie die Frage nach strengeren Waffengesetzen, die jetzt an die Tagesordnung gehört. Oder dann halt eben nach den Präsidentschaftswahlen.

Dass bei Attentaten zuallererst auf kürzlich konsumierte Medien geschielt wird, hat natürlich Tradition. Immerhin brauchte es hier eine geografische Gemeinsamkeit, vor einem Jahr waren die Ausschweifungen noch größer.

Einzige Voraussetzung? Ein anderes Medium.

/ar

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2 Antworten zu “There’s a storm coming, Mr. Wayne

  1. „Counterstrike, Markus Merk, mp3s, Courtney Love,
    Deine Eltern, meine Eltern, Wind und Wetter,alle Eltern
    Metalbands, Slipknot-Fans, Der Bossanova, 68
    89, Ball und Platz und natürlich Yoko Ono
    Immer auf der Suche nach
    Der Suche nach dem Schuldigen,
    Einer muss es immer sein
    Einer muss, ganz allein
    Erkennen und benennen
    Yoko Ono und ihre Fans, 9/11, Egon Krenz,
    Egon Krenz und Hip-Hop Bands,
    Hip-Hop Bands und Techno-Fans
    Geld an sich, das Nachbarskind,
    Internet und Larry Flint
    Der miese Sommer, fiese Winter….Menschenskinder
    Sprachen nur erfunden, um –
    Erfunden, um die anderen aus-
    Die anderen auszuschalten
    Nur: wer hält wen aus?
    Erkennen und benennen“

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