Stammtisch im Weltnetz


„Herr Strache, warum immer Ihre Partei?“, fragte Armin Wolf den Klubobmann am 31. Januar in der ZIB 2 und ganz Österreich schmunzelte wissend. Eben weil man mit solchen Fragen rechnet, eben weil sie absolut gerechtfertigt sind.  Die freiheitliche Partei Österreichs überlebt, weil sie mit populistischen Kneipensprüchen und aufgesetzter Seriosität die Herkunft ihrer eigenen Stammtisch-Ideologien verdeckt. Allerdings wird das, was am Bierbudel noch unkoordiniert beklatscht wird, spätestens dann zum Problem, wenn sich das Licht der Öffentlichkeit durch den darauffolgenden Kater brennt.

H.C. Strache rühmt sich gerne als Jugendversteher, eine Position, die seine Partei nur zu gerne unterstützt. So wurden Websites und Twitter-Accounts gegründet, Facebook-Profile pflegt man mit der Gründlichkeit eines Piraten-Mitglieds und erreicht im Gegensatz zu dessen Partei exponentiell vervielfachte Nutzerzahlen. Dabei gibt man sich den Schein eines Laubgebläses, das mit nagelneuen Ersatzteilen frischen Wind in die Flure der Bürokratie bläst. Tatsächlich aber sind es nicht die Ideen der jungen Generation, die von der FPÖ so geschätzt werden, es ist deren aufgekratzte Mobilisierbarkeit. Nur damit lässt sich politisch arbeiten und nur damit lassen sich Wahlen gewinnen. Stepháne Hessel mag mangelnde Empörungslust beklagen, doch statt neuen Essay-Ideen möge man ihm doch einfach mal eine Freundschaftsanfrage zukommen lassen. Er wird verstehen.

Strache und seine Mitstreiter, die aus nachvollziehbaren Gründen selten gegendert werden müssen, ernähren sich von einem Jungbrunnen, der viele Vorteile hat: Er verurteilt schnell und vergisst noch schneller, Falten der Vergangenheit überbügelt er mit Likes und tröstet bei Beleidigung der linken Bagagen-Presse. Doch wie jeder gute Zaubertrank bringt auch er Nebenwirkungen mit sich. Und jeder gute Schluck hat ein noch größeres Schlucken zur Folge.

Die Fanpost ist da! (Quelle)

Dass man in der Partei der Saubermänner vor keiner Form der Publicity zurückschreckt, ist keine neue Erkenntnis, aber spätestens seit im September letzten Jahres Facebook-Fans Deportationen ins Konzentrationslager Mauthausen forderten, dürfte man auch in der FPÖ die parteieigene Online-Strategie mit großer Vorsicht betrachten. Zu lange schon wurde naives Stümpern mit Medienkompetenz verwechselt. Doch es gibt einen Grund, warum das Löschen von Kommentaren und Auflösen von Websites an Don Quixote erinnert: Die FPÖ hat kein Problem mit Computerprogrammen, sie hat ein Problem mit Parteiprogrammen.

Die Kombination aus staatsmännischer Rhetorik und gemütlichen Hetzschriften wandert aus gutem Grund auf schmalem Grat. Die Masse an politisierten jungen Menschen, aus denen die Partei mit vollen Händen schöpft, besitzt nun mal die intellektuellen Fähigkeiten, die mit Watte gedämpften Plakatbotschaften zu Ende zu denken. „Abendland in Christenhand – Tag der Abrechnung“ wäre nicht nur tolle Kreuzzugsaction, sondern ist auch ein rhetorisches Todesurteil für Andersgläubige. Als Facebook-Kommentator, der Plakate nur an virtuelle  Pinnwände steckt, legt man diesen Schleier des guten Geschmacks gerne ab. Man weiß ja, wie sie’s meinen.

Am 22. Juli 2012 wurde die offizielle Website der FPÖ erneut von Mitgliedern der Gruppe Anonymous gehackt. Vielleicht sollte man die aufgezwungene Offline-Zeit als Chance sehen.

/ar

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