Wir brauchen (k)einen Kanon

IK GIHORT DAT SAGEN von der Vogelweide, der Bibel, Luthers Offenbarung – ein direkter Schlag gegen die Kirche – mit Goethes Faust – Meisterwerk Goethes, ob I oder II – gern auch drei Gedichte von Eichendorff. Der Einsiedler mit Heimweh und Sehnsucht, Blaue Blumen mit Todes Lust, Zwielicht oder gar Mondnacht-sucht? Zur majestätischen Krönung Dantons Tod und Büchners Erbsenfresser. Der Steppenwolf und Gogols tote Seelen – oder doch unters Rad wie Hesse? Dostojewskis Dämonen wird persönlich der Prozess vom Hungerkünstler gemacht. Klangarme rostige Blechtrommeln die Katz und Maus spielen mit Max und seine Brandstifter. Mutter Courage und ihr Lieblingskind Brecht! Alles nur Krieg und Frieden?

Wer hat sie nicht zuhause? Diese gelben Museen für Gedankenlose, diese dünnen Gräber toter Helden und ihrer Fädenzieher! Lebenswerke für 3€! Viele Bücher und doch nur stapeln sie sich in unseren schattigen Ecken. Diese zeitlosen architektonischen Meisterwerke unserer Lust und Unlust. Wie viele Schwarten türmen sich hinter unsren Türen? Wie viele Klassiker bilden ein geistiges Fundament auf dem Obszönität indizierte Werke unbekannter Künstler ruhen? Künstler mit unmoralische und verderbter Literatur die ja, wie man hört, krank machen soll. Sind das elysische, danteske Stapel oder doch nur Hochstapler? Ein Kanon klingt doch wie eine Kanonenkugel, die uns feurige Literatur versprechend in den Verstand und Herz geschossen werden soll. Ein Lied mit zeitlich versetzte Stimmen.

Das gleiche Lied gibt es auch in der Religion. Eine Zusammenstellung gepriesener sakraler und fromm gepriesener Schriften. Am Ende alles nur heilige Schriften, über die sich alle divergieren, sich heftig kritisieren und sich metaphorisch die Klingen kreuzen. Gelehrte mit Verisse und doch hat‘s keiner „so ganz ausführlich jetzt so Satz für Satz“ gelesen. Zwischen den Zeilen schon gar nicht. Ein Kanon. Eine festgesetzte verbindende Ordnung, ein Richtmaß vom Herrn der Bücher! Ganz nach Faust wären es die Doktoren, Magister und Pfaffen und die, die sich zur ernst und wichtig nehmen. Auf der anderen Seite gäbe es aber auch noch die Amateure, die Liebhaber. Die Verehrer guter Bücher, die sich weniger wichtig nehmen, sondern es bevorzugen, schmachtend bei einem Genusstee mit den Lettern zu kokketieren. Nein, die wohl auch nicht. Dann vielleicht ja ich, zwischen intelektuellen Hippies in einer avantgardischen Beatgeneration oder gehypten Sci-Fiction mit magnetischem Staub und midichlorianer gepushte Klingonen auf Mission, habitative Zonen zu ionisieren, oder gar „Identifizierungsromane“, mit Zauberlehrlingen und Vampiren auf Entzug. Alles lieber als Schulbücher, hinter denen wir Comics und japanische Mangas verstecken. Zu breitgefächert, zu spezifisch. Ein Kanon soll ja alle ansprechen, für alle gelten. Wo versteckt sich dann dieser mystische Herr der Bücher? Hinterm Mond? oder inmitten einer Gesellschaft anarchistischer Tendenzen? Der Kanon bleibt, was er schon immer war! Eine Sammlung exquisiter, auserlesener Werke, die darauf warten, von uns über den Haufen geworfen zu werden, mit dem Ziel, Neues zu erkunden und zu probieren. Am besten gefällt mir ein Zitat von Robert Ferjeni diesbezüglich:

Ein Kanon ist wie ein Kompass. Seine Nadel zeigt beständig nach Norden, doch diese Richtung muss nicht eingeschlagen werden.

Die musst du gelesen haben. Oder auch nicht.

/Elias Niederwieser

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2 Antworten zu “Wir brauchen (k)einen Kanon

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