Ich, Mondsamengewächs

„Eine Tür (von altgriech. θύρα thýra „Tür“, neugriech. „große Türen“), vor allem ober- und mitteldeutsch Türe, auch Tor für größere Exemplare, ist eine Einrichtung zum Schließen einer Öffnung in einer Wand…

Die Tür erlaubt das Abgrenzen von Räumen gegen andere Räume oder den Außenbereich bei erhaltener Durchgangsmöglichkeit. Mit einem Schloss können Türen verschlossen und somit für unberechtigte Personen unzugänglich gemacht werden. Weitere Funktionen der Tür sind der Wärme- und der Schallschutz. Manchmal werden beispielsweise durch bauliche Bestimmungen auch Rauchschutz-, Strahlenschutz- (Röntgenräume) oder Brandschutztüren gefordert. Diese Zusatzfunktionen werden durch spezielle Einlagen oder die Abfolge mehrerer Türen erreicht.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Tür

Warum ich nicht mehr ausgehen will, hat mich mal jemand gefragt.

Naja, weil ich die ganzen Drecksvisagen nicht mehr sehen mag und weil ich lieber in kleine Löcher im Boden falle und Wämser für meine Katzen häkle. Kleine Erdlöcher, Häkelnadeln und endlos viel Wolle sind viel spannender als dance floors und Verwirrung stiftende Nebelschwaden aus Gott weiß wo verborgenen Nebelschwadenwerfern. Und man denke erst an die Katzen, die sind das allerbeste an meiner Alternativaktivität. Flauschig wuschelige Katzen. Hach…Wieso sollte ich flauschig wuschelige Katzen eintauschen gegen Wodka-Bull und Whiskey-Cola?

Neulich ist mir dann was Wundersames passiert.

Ich saß, weil kein Erdloch mehr frei war, auf einer roten Bank, lila Wolle auf der orangen Häkelnadel, im Schatten eines grünen Baumes, meine grünen Augen schützend vor der gelben Sonne mit meinen rosa Lidern. Ein Farbenspektakel, was sich da offenbart, wird der aufmerksame Leser jetzt meinen, ja, sehr wohl, Farben sind eine wahre Pracht, die man sich bitte wirklich genau so vorstellen soll, wie sie hier beschrieben werden. Was anderes soll sich da auf niemandes inneren Augen abbilden. Rote Bank. Rot wie reife Kirschen und und und und die Wolle so lila wie ein schlimmer blauer Fleck, der seinem Namen vor zwei Tagen noch alle Ehre gemacht hat, der Baum, grün wie Pfefferminz, meine Augen grün wie der Baum, die Sonne gelb wie mein Herz vor Neid auf die Typen, die sich die McDonald´s Werbungen ausdenken. Die sind lustig, so soll Werbung sein, frisch und zart und rosa-hautfarben wie meine Lider, duftig und cool, wie die Luft, die mich umströmt. Meine Gesichtsformen sind Felsen, die die Strömung der Luft ablenken. Und meine Poren atmen den Sauerstoff ein und den Talg aus und wenn sie recht verschnupft sind, gibt das einen ordentlichen Pickel…

Soviel dazu, es soll ja noch was passieren im Katzenland, wo ich auf einer Bank sitze, mit dem Gesicht zur Sonne – ich halte nichts vom Schwelgen in der unglücklichen Vergangenheit – wo ich sitze und nachdenke über´s Ausgehen. Ausgehen, was ist das eigentlich, denk´ ich mir? Was soll das eigentlich? Mir ist der Sinn am Dasein ausgegangen, ich wiederum muss darum ausgehen, um es wieder aufzufüllen, das Loch, aus dem er ausgeflossen ist, der verflüssigte Sinn. Wo ist er hingeflossen, er, der seinen Aggregatzustand so geschickt verändern kann, ohne mit der Wimper zu zucken?

Von gar nicht vorhanden, über fest, gasförmig bis hin zu flüssig? Nichts ist unmöglich, du musst nur daran glauben. Sinn am Dasein hat seine größte Dichte übrigens bei Zimmertemperatur mit einer Tasse Kakao in der Hand, oder wahlweise Tee, wenn man Kakao nicht so gerne mag; wenn es draußen sowieso schon heiß ist, tun´s auch etwaige andere Erfrischungsgetränke. Wieso sollte ich ihn wieder finden im Gedränge, vermischt mit anderen jungen Menschen, denen derselbe ausgegangen ist? Gemeinsam nuckeln wir an mit Ersatzsinn gefüllten Fläschchen, fallen in hundert Jahre währenden Schlaf, warten bis uns der Dreamboy oder das Dreamgirl mit einem beherzten Ich-steck-meine-Zunge-in-deinen-Mund aufweckt, wenn möglich bis zum nächsten Samstag. Also wirklich, scheiß auf ausgehen, scheiß auf zwischenmenschliche Konktakte, Disko-Pogos, scheiß auf aufgebrezelt sein, bis der Bäcker in der Früh anfängt Semmeln zu formen, scheiß auf Shaken, bis der Arzt kommt, weil einem jemand unabsichtlich die Nase beim zu großzügigen Ellenbogen- Verteilen gebrochen hat. Scheiß da doch überall dreimal der Hund drauf!, dachte ich mir, mit erhabenem Lächeln auf den Lippen. Ersatzsinn vom Fass kommt für mich nicht in Frage, brauch´ ich nicht. Außerdem mag ich Laugenstangerln tausendmal lieber als Brezeln und überhaupt habe ich keinen Bedarf an gebrochenen Nasen, mir reicht meine gebrochene Persönlichkeit.

As long as I´m sitting on my Sitzgelegenheit under the beautiful Kastanienbaum lässt mich das alles kalt, as long as I`m sitting here, I`m fine and satisfied. Mich schüttelte es schon vor Wonne und Gelassenheit, da riss mir von hinten wer die Augen auf. Ich war doppelt verwirrt. Einmal, weil einem ja normalerweise die Augen von hinten zugehalten werden und nicht in Regenbogenhäuten entjungfernder Manier, an ihnen herumgezerrt wird. Und dann war ich noch anglizistisch confused aufgrund der Tatsache, dass das Subjekt im riss-mir-die-Augen-auf-Satz geschickt ein weiteres Prädikat in die Berichterstattung der Sekunde einfügte: und schrie. Da schau her, eine direkte Rede kam auch noch dazu: „Sperr di Augen auf!“, rief das mir unbekannte Wesen slash Ding, was weiß ich, ich hatte noch nicht die Möglichkeit gehabt mich umzusehen und war sowieso kurzzeitig blind, wie man es eben ist, wenn einem jemand die Finger in die Sehlöcher steckt.

Langsam konnte ich wieder sehen und Konturen ausmachen und drehte mich um, auf alles gefasst, mit einem dennoch hüpfenden Herzchen in der Brust. Das Nichts, das ich jetzt sah, hatte ich irgendwie schon erwartet. Das ist ja wohl immer so, man dreht sich um, dann ist da nichts, Luft und im besten Fall noch ein bisschen Liebe, im schlechtesten Fall nur Leere ohne Luft. Den Schock von vorhin noch nicht ganz verdaut, hatte ich jetzt also drei Bretter vor dem Kopf, schaute ein bisschen herum, um mich irgendwie zu beruhigen, schaute nach links, schaute nach rechts und sah eine Tür neben mir sitzen. Sie hatte zwei Beine, die abgewinkelt vom Rand der Bank ragten, also ging ich einmal davon aus, dass sie saß. Arme hatte sie auch, zwei Stück, die sie lässig über die Rückenlehne ausgebreitet hatte. Direkt hinter mir lag einer der beiden langen Türarme. Automatisch beugte ich mich ein wenig vor. Das Ganze war mir schon recht unheimlich und ich begann um mein Seelenheil zu bangen.

This is the end, beautiful friend,

this is the end, my only friend, the end.

Aber dann fiel mir wieder ein, dass ich liebend gern Wämser für meine Katzen häkle und in kleine Löcher falle und dass ich mit solch charmantem Hobby doch nie und nimmer in Gefahr sein könnte, dass es mir bis jetzt immer gelungen ist, den Leuten ein strahlendes Lächeln gefolgt von einem: „Oh, du häkelst Wämser für Katzen? Ach du meine Güte, das ist ja grandios!“ zu entlocken.

Im Gegensatz dazu starrte mich die Tür, sie hatte auch Augen, lange an, als müsste sie das, was die Person, die ihr gerade die Hand zum Gruß entgegengestreckt hatte, aus triumphal verzerrten Lippen gesagt hatte („Hallo, ich häkle gerne Wämser für Katzen“), zuerst einmal vollkommen auf sich wirken lassen, um es zu verstehen.

„Glaubst du, das interessiert mich auch nur im Geringsten? Das interessiert mich einen Scheißdreck, wenn du´s genau wissen willst! Wämser für Katzen?! Also wirklich“, meinte die Tür mit morscher Stimme in forschem Tonfall. Auf´s Neue verwirrt, konnte ich mir die Bosheit der Tür aber doch irgendwie erklären, sie war ja bloß das Mittel, mit dem Menschen ins Haus fallen, selbst war sie kein Mensch, sonst hätte sie meinen Begrüßungssatz wohl gut gefunden. Mir war jetzt ergo nichts mehr geheuer. Ich wollte nach Hause, von mir aus wäre ich jetzt auch in die nächste Dorfdisko gerushed und hätt´ mich derb ins Geschehen gemischt. Hey, das geht ab, wir feiern die ganze Nacht, die ganze Nacht. Egal, Hauptsache über andere Dinge nachdenken als über Angstzustände, die in Verbindung mit sprechenden Türen auftreten, und wenn es, wie schon gesagt, nach mir gegangen wäre, wäre ich schon aufgesprungen und losgelaufen, um mein Leben wär´ ich gesprungen und gelaufen,

Carry me, caravan, take me away

Take me to Portugal, take me to Spain

doch eine hölzerne Hand kam mir zuvor, indem sie mich grob am Handgelenk packte. Ich spüre heute noch die Splitter, die sich in diesem Moment in meine Haut bohrten, zählen kann ich sie auch, da hat nämlich keine Pinzette geholfen, die Splitter sind dringeblieben, haben eine kurze Zeit lang beleidigt vor sich hin geeitert, jetzt geht’s langsam schon wieder. An Schmerzen gewöhnt man sich ja auch relativ schnell. „Du brauchst hier gar nicht versuchen abzuhauen. Ich hab´ nämlich noch ein Wörtchen mit dir zu reden“, erklang wieder die dunkle Stimme der Tür, jetzt schon ein bisschen sanfter, als hätte sie ein Kilo Kreide in sich hineingeschüttet, als hätten die Brüder Grimm da ihre Finger im Spiel gehabt, ein Kilo Kreide, wie der Wolf in den Sieben kleinen Geißlein.

Ich strich mir mit der freien Hand überlegen durch die Haare und verlegte mir, wie der Tag heute wohl geworden wäre, wenn noch ein Erdloch frei gewesen wäre. Da wäre ich jetzt in einem bequemen, schummrigen Löchlein gesessen und hätte mich nicht mit fiesen Türen abgeben müssen, die mir die Handpulsader ebensogut sofort aufschlitzen könnten. Warum muss sowas eigentlich immer mir passieren, dachte ich, verzweifelt, eine einzelne Träne meine Wangen hinunterrasen spürend. Selbst die Tränen trauten sich nicht aus ihren Löchern und falls sie doch aus zu viel Übermut oder aufgrund gewaltsamer Schubsattacken augenwässriger Kollegen herausgesprungen kamen, eilten sie flugs von dannen und ließen mich allein mit meinen vor Wasser salzig brennenden Augen und einer vor Genugtuung rasselnd atmenden Tür.

Stunde um Stunde vertickten die schwarzen Zeiger der Gefühlstaschenuhr in meiner Seele, bis sich endlich der resche Handgriff der Tür löste und meine Handgelenkshaut, nachdem sie sich vollends entknittert hatte, wieder frei atmen konnte, sich entfalten, wie ein Schmetterling, der zu lange schon die Erde beraupt hat, den ersten Flügelschlag tut, und ich wünschte mir, der Falter würde meine tauben Finger mitnehmen und zusammen mit jenen meine gesamte Erscheinung, meinen Körper, meine Arme, Beine, ich wollte nur noch weg, weg, weg.

„Stell dich nicht so an, verflucht nochmal. Ich will ja bloß mit dir reden“, meinte die Tür, legte die klobige Linke auf die Schulter meines zitternd, bibbernd bebenden Ichs und begann zu erzählen und während sie sprach, entspannte ich mich mehr und mehr, wurde ruhiger und ruhiger, begann und hörte nicht mehr auf zu lächeln, aber auch nicht zu, hörte auf zu sein und blieb dennoch weiter, spürte wieder die milde Brise mit meinen Haaren spielen und die warme Häkelnadel in meiner Hand liegen.

„Sperr´ die Ohren auf, ich bin der Ausgang!“, donnerte die Tür. Wie gewitzt, dachte ich, eine Tür, die sagt, dass sie der Ausgang sei. „Ohne mich gäb´s kein Wahlergebnis, Fußballspieler würden ewig am Platz stürmen und verteidigen, Lebensmittelvorräte würden ewig da sein und auch alles andere würde nie ausgehen! Und du gehst auch nicht aus. Du willst nicht mehr ausgehen. Ich bin der Ausgang, ich weis´ dich jetzt zurecht.“ „So ist das also“, sagte ich, Weisheit vorgaukelnd, doch meine Augenbrauenmuskeln verrieten meine Planlosigkeit, zurrten sich zusammen und ließen eine unschöne Falte zwischen meinen Brauen entstehen.

People are strange

When you´re a stranger

Faces look ugly

When you´re alone,

hätten sie gesungen, hätten sie Stimmbänder und Münder, wie jene fetzig-kultige Musikcombo des ausgehenden 20. Jahrhunderts, aber im Moment hatte nur ich einen Mund, den ich jetzt benutzte. Ich erzählte und erzählte, erzählte mehr und am meisten. Ich sprach tatsächlich vom Ausgehen, von der Musik, die dich durchströmt, vom Adrenalin, das dir im Körper kocht, dir in Form von Partylaune aus den Ohren pfeift, das dir in die Glieder schießt und dir sämtliche deiner Energiereserven schneller bereitstellt, so dass du tanzen kannst und tanzen und tanzen und schreien und schreien und schreien und dir die Sorgen aus dem Kopf schreien kannst, bis du dich selber nicht mehr hörst und bis die Sonne wieder vom Himmel lacht, bis du den alten Tag in deinem Terminkalender längst schon druchstreichen hättest können, bis dich der Teufel holt, dich dann aber eh gleich wieder freilässt, raus aus seiner Hölle, weil du für nichts mehr zu gebrauchen bist: deine Füße sind Mus vom Ballen-zu-oft-und-zu-heftig-auf-den-Boden-Schmettern, dein Kopf ist beduselt und schwer, weiß nicht, wieviel 7×7 ergibt und leitet permanent Out-of-order-Signale an deinen Magen weiter, der Hunger nicht mehr von Völlegefühl unterscheiden kann und prophylaktisch einfach das, was drinnen ist, nach draußen befördert und das, was noch draußen ist, nicht mehr rein lässt.

Nicht einmal Satansbraten könnte man mehr aus dir machen, dafür hast du dein Fleisch zu lange abhängen lassen. Vor so viel Schweißversalzenem muss ja wohl sogar Luzifer höchstselbst zurückschrecken. Und das wäre ja dann auch wieder gut für dich, ein bisschen Schädelbrummen ist immer noch besser als in der Rauchkuchl des Teufels fröhlich vor sich hinzubrutzeln, nachher mit scharfer Chili-Salsa-Soße bestrichen, beträufelt zu werden, oder so dermaßen in Curry-Paste eingelegt zu werden, dass man noch im Gedärm Beelzebubs (oh ja, ich kenne viele Synonyme für den Prinzen der Finsternis) drei Tage vor sich hin dampft. Singen, tanzen und springen, wenn das keine einladende Alternative ist, meine ich.

For the music is your special friend

Dance on fire as it intends

Music is your only friend

Until the end

Und während ich so erzählte mit erregter Stimme und weit aufgerissenen Augen, lauschte die Tür geduldig, mit einem gewaltigen Schmunzeln auf dem Türblatt, als hätte sie geahnt, dass wir ab diesem Moment zusammen ausgehen würden, dass wir die Welt zusammen bereisen würden, dass ich mein Katzenwämsergehäkel einstellen würde, dass infolgedessen natürlich auch meine Erdlöcher für mich passé sein würden, dass wir fortan die Nacht zum Tag und alle Menschen zu unseren Freunden machen würden, zu unseren Verbündeten, gemeinsam im Kampf gegen die Langeweile.

Und gemeinsam gehen wir immer noch aus, bis wir den Eingang finden und eingehen.

/mm

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