@ heißt das Sexsymbol

Dem Ruf von Lokalpolitik den Glanz eines durch Alkohol aufgequollenen Ex-Sex-Symbols anzudichten, käme nicht nur eine Beleidigung für Brigitte Nielsen gleich, die mit Baukonzessionen und Kreisverkehren nun mal überhaupt nichts am Hut hat, es würde dieser Form der Politik  auch eine (letzte) Ehre erweisen, die ihr schon lange entflossen ist: Die Aufmerksamkeit, die man einem Promi schenkt. Einem Promi zugegeben, dessen Klassifikation das Alphabet schneller durchlaufen hat als Rolf Zuckowski, und dessen Lieder sind kaum halb so skandalträchtig, wenn man Weihnachtsbäckereien mal nicht aus Zahnarztsperspektive sieht.

Ja wirklich, Korruption beginnt verständlich zu werden, wenn sie in Sümpfen passiert, in denen selbst die ärgsten Veruntreuungen kaum mehr sind als erwartbare Irrlichter in immergleichem Grau. Hören wir doch auf, Bestechungen und Vetternwirtschaft als Auswüchse von gierigen Redenschwingern zu deuten, sehen wir sie als Hilfeschreie in einer einsamen, von überraschenderen Nachrichten dominierten Medienwelt, wie ein ganzjähriges Sommerloch. Und dann lasst uns Ritalin in unser Trinkwasser kippen, schließlich leiden wir alle unter sehr spezifischen Aufmerksamkeitsdefizitssyndromen, während die ZIB als letzte Bastion einer Gesellschaft auftritt, die unter “Part of the game” mehr versteht als einen resignierten Ausspruch beim Anstoßen von Roulette-Kugeln. Wen interessiert schon, welche Gelder jetzt noch mal genau aus welchen Hemdkrägen strömten, in Kärnten oder Badenwürttemberg oder sonstwo (nur halt nicht in Dänemark), wenn alles was ich dazu auf Politiker-Websites sehen kann, Familienfotos und sich immer gleichende Beleidigungen von Kollegen sind.

Die Piratenparteien hatten mit einem einzigen Schlagwort in ganz Europa Erfolg: Transparenz. Transparenz, die mit urteilenden Augen betrachtet wird, wenn ein Vertreter mal sein Handy zur Hand nimmt und aktuelle Diskussionen twittert, und Menschen an dem spannenden Ding teilhaben lässt, das sich Politik nennt. “Kann der nicht mal seinen Tamagotchi zur Seite legen und sich ‘ne Kravatte kaufen?” Könnte er wohl, nur sind aktuelle Statusmeldungen, sofortige Blogeinträge und Facebook-Meinungsumfragen nun mal die neusten Kravattentrends, die man bindet statt sie aufzubinden. Sie sind nicht nur verpflichtende Elemente eines Bildungsauftrages, sie sind auch enorm wichtige Vorschlaghämmer gegen den Beton der “Politikverdrossenheit”. Denn Nährboden für politisches Interesse kann nicht entstehen, wenn Wahlplakate und Wahlskandale die einzigen Echos eines sich in ständigen Sitzungen umwälzenden Betriebs sind. Sie sind lediglich Vor- und Nachher-Skizzen derselben Lügengebilde, die wie schief geratene Zähne wenig dazu beitragen, das Image der gesamten Schönheitsoperationen-Branche zu heben.

Dabei trägt Lokalpolitik soviel dazu bei, die Welt im Kleinen zu verbessern. Die in Relation gesetzte Macht ist vergleichsweise hoch, Kammernsysteme und Vetos sind hingegen nicht existent. Deswegen baut man Straßen aus und Schwimmbäder auf und belebt das Stadtleben mit Touristen, ohne dabei Grünflächen in Rotlicht zu tauchen. Bestenfalls, that is. Und der Bürger, der an seinen unaufgeregten Abenden mal schnell seinen Facebook-Feed durchstöbert, stolpert über keine einzige Spur davon. Mal schnell ein Blick auf den Blog der die Bürgermeisterin stellenden Partei? Na, die hatten wohl ein ganzes Monat lang Urlaub. Und davor gabs Gratis-Werbung für die “gute Regierungsführung” Innsbrucks. War da nicht irgendwann mal was mit Gemeinderäten und Machtspielchen und wasweißich? NEIN, schreit die Site da laut, da waren wir, ähm, tja, Arzttermin?

Um diesen Tarnkappenproblemen entgegenzuwirken braucht es weder Zauberer noch Piraten, es würden schon all die Jugendgemeindebeiräte reichen, die ihre bescheidene Abstimmungsmacht dadurch wettmachen könnten, indem sie Sitzungen mal einfach als Live-Blog übertragen. Der Jugendgemeinderat meiner Heimatstadt hat dabei noch nicht einmal ein Facebook-Profil.
Fließende Kommunikation hat nichts mit der Abgabe von Entscheidungen an eine meuternde Basis zu tun, es wäre vielmehr ein wirksames Mittel, um auch nicht nach Scheiterhäufen schreiende Jugendliche zu begeistern.

Das oder halt doch wieder Sexsymbole. Ginge auch.

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