Live ür enk

Ach Opus, ihr Helden des Apres-Skis, wie gerne würd ich euer Lied als schlechte Metapher für aktuellen Medienzirkus erwählen und dabei ein paar kleine, zu verstohlenem Kichern ermutigende Witze über eure Frisuren einbauen, aber es geht nun mal nicht. Live-TV hat die Jahrtausendwende ähnlich geschwächt überlebt wie das One-Hit-Wonder Live is Live die Karriere seiner Band. Existieren ja, verwesen leider auch.

Pictured: The past.

Im Gegensatz zu Austro-Pop sind Live-Übertragungen jedoch noch immer ein zu schützender Wert, zumindest wenn man den öffentlich-rechtlichen Sendern trauen darf, die sich in ungewohnter Harmonie und gemeinsamen Kampfgeist gegen die Grausamkeiten der UEFA-Übertragungen echauffierten. Das heilige Kalb Fußball war fett genug, sich einig dahinter zu positionieren.  “Diese Bilder sind für uns so nicht akzeptabel“, hieß es von der ARD, „Das ist vollkommen unüblich” posaute man im ZDF, nur um wenig später kleinlaut zuzugeben, selbst “aus Kostengründen” manche Bilder zeitversetzt zu senden. Das sei dann aber Dienst am Kunden und keine die  Grundsätze des journalistischen Gedankens verletzende Manipulation, damit das klar ist. Außerdem weinen echte Deutsche nicht und wenn dann nur aus Rührung und überhaupt!

Doch ein Sommer verträgt nicht nur zwei Sportereignisse, er verträgt in der Regel auch zwei mittelschwere Skandälchen, die sich in Form von Retweets schneller verbreiten als EPO in den Blutbahnen unsrer Athleten. #nbcfail hieß der Hashtag, der selbsterklärender nicht sein könnte und genauestens dokumentierte, wie der amerikanische Kabelsender NBC über Wochen seine Zuschauer hinters Licht führte, indem er wichtige Events in mehrstündiger Verspätung sendete, nur um statt einer Live-Übertragung eine den dafür nötigen Kosten würdige Live-Audience vorweisen zu können. Da wurde dann mitgefiebert und mitgejubelt und neben Popcorn und Aufmerksamkeit verlangte man nur, dass die Fans mal eben das Internet für die Dauer der Olympischen Spiele meiden. Sollte doch zu schaffen sein, Sportler sind doch auch so gern an der frischen Luft.

Ob Sport nun den eigenen Interessen schmeichelt oder nicht, der Trend, Aufzeichnungen den Live-Stempel aufzudrücken, während man Authentizität und Exklusivität und Täteretät vortäuscht, ist unverkennbar und dabei noch nicht mal neu. Korrespondenten vor dem Weißen Bluescreen-Haus leiden nicht nur unter Farbenblindheit sondern unter derselben Krankheit. Den mit Abstand bärigsten Bärendienst erwiesen aber RTL und Co. ihrem Medium, als sie damit begannen, aus Talentshows PR-Material für Schnittsoftware zu machen. Selbst die sich anfangs überschlagende Boulevardpresse lockt mit Schlagzeilen über falsch geklebte Reaktionsvideos keine Menschenseele mehr ans Blatt. Die Zeiten, als damit Auflage gemacht wurde, waren Zeiten, in denen Barbara Salesch noch wahre Fälle löste. Doch auf Salesch folgten Doku-Soaps und x-Diaries und Ernst Marcus Thomas und steigende Sorge, diesen Satz noch auf ein klügeres Niveau zu bringen. Alles in allem wird das Konzept Live-Bild ähnlich respektabel behandelt wie ein verdorbener Sack Kartoffeln, und das von jedem einzelnen Beteiligten.

Das mag traurig sein, überraschend ist es leider nicht mehr.

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, sagt man. Außer der Live-Bilder von vor ein paar Stunden, möchte man hinzufügen.

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