CD-Kritik: Hale and Lujah

Achtung: Leider kann folgendes Album nicht gekauft werden. Dies ist schon allein deswegen kein Freibrief für Piraterie, weil das Album nicht existiert. Wie gesagt, leider.

Recht skeptisch war ich anfangs, als das Blend-A-Med-Lächeln des ehemaligen Superstars in meine Richtung grinste und mir durch den Raum folgte wie die Mona Lisa oder das Porträt des Papstes. Ich zögerte lange, bevor meine Beine ihren Weg fanden. Doch meine Beziehung zu David Hasselhoff ist eine ganz besondere: Meine Eltern hatten es sich nach meiner Geburt zur Aufgabe gemacht, so bald wie nur möglich ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Meine Mutter quälte ihre Lateinschüler wieder in Vollzeit und mein Vater beschritt bei solchen wenig arbeitsintensiven Kleinigkeiten den Weg der Nabelschnur: Kurz angebunden und bald wieder weg.

Da ein gewisses Minimum an Erziehung jedoch trotzdem noch stattfinden sollte, hatten beide Skrupel bei der Wahl einer möglichen Kindertagesstätte. Zwar beschränkte sich meine Aktivität aufgrund meines riesigen Quadratschädels auf kaum mehr als die einer sich ständig neu kalibrierenden Wasserwaage, doch wenigstens das sollte doch bitte daheim passieren. So hatte ich bald eine Tagesmutter über und den Fernseher vor mir und während sie sich damit abmühte, den Pizzateig meiner Mutter zu kneten, mühte ich mich durch den Brei, der sich das Fernsehen der 90er Jahre schimpfte. Etwas Power Rangers war drin, eine Prise Ninja Turtles ebenso, doch nichts begeisterte mich so sehr wie KITT und Mitch und eingezogene Bäuche und überzogene Egos und alles, was der Hoff sonst noch so zu bieten hatte. Ich liebte ihn. David Hasselhoff war zumindest bis zu einem gewissen Punkt ein wunderbarer Vaterersatz, was mich erfolgreich vergessen ließ, dass der Rest der Welt in erster Linie Pamela Andersons Brüste bewunderte. Das Internet war eben noch sehr leer, damals.

Als ich und der Hoff älter wurden und auf unsere eigene Weise die Freuden des Alkohols entdeckten, verlor ich ihn aus den Augen und die Welt tat es mir gleich. Wenn er nicht gerade auf Fußböden lag und Burger verschlang, hatte er die Fernsehpräsenz einer Kartoffel im gestreiften Anzug. David, wie ich ihn freundschaftlich nenne, war in den Untiefen einer Zeit verschwunden, in der Epilepsie noch Rave und seine Sendung für mich noch „Nait Treter“ hieß. Bis vor wenigen Tagen dachte ich, dabei könne es gerne bleiben.

Nun aber ist der Hoff „back in the charts“, sein Name ein Hashtag und sein Gesicht wirklich deutlich zurückgequollen. Er singt und singt und es ist, als wären seit „Looking for Freedom“ nur wenige Stunden vergangen.

Das Rhema, in dem Hasselhoff sich bewegt, ist kein, nun ja, bewegtes: Die Konkurrenz ist nahezu inexistent, und bis jetzt konnte man meinen, das geschähe aus gutem Grund. Gregorianische Choräle sind nicht sexy und ihre Darbietung verschafft einem (wenn überhaupt) nur wenige sexwillige Groupies.

David schert sich nicht darum, Vorurteile beiseite räumen ist sein erklärter Lebensinhalt; hier schafft er es gleich doppelt.

Mühelos schwingt er sich durch den Dschungel der Intervalle, ein jeder Track überrascht durch innovative Rhythmuswechsel. Ohs und Ahs auf der CD sorgen für Ohs und Ahs in unserer Redaktion, selbst der schon im Voraus bekanntgewordene Skandal (David nutzt den ersten seiner tief wirkenden Bonustracks für einen Ausflug ins Mehrstimmige) ist lediglich Sprungbrett im Sprungbecken der Hoff‘schen Exegese.

Als die CD nach aufwühlenden 120 Minuten ihren letzten Höhepunkt erreicht, fühle ich, wie etwas in mir zerbrochenes wieder lebt.

Eine Unterschrift nur, David, Adoptionen macht doch heute jeder.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s