Talk Talk Tod

Worums geht: Der deutsche Psychiater und Psychologe Manfred Spitzer hat ein Buch mit dem Titel „Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ geschrieben. Es steht wie wenige andere Sachliteratur bezeichnend für die täglich neu aufgewärmte pessimistische Kulturkritik, an deren Prangern Computer, Killerspiele und das World Wide Web stehen.

Manfred Spitzers Sohn ist bedauernswert. Als sein Vater vor wenigen Wochen auszog, um der Welt zu zeigen, wie man vorformulierte Fehlurteile eines Hoch-70ers so formuliert, als wären sie keine vorformulierten Fehlurteile eines Hoch-70ers, brauchte er einen glaubwürdigen Zeugen. Einen Sidekick sozusagen, der ihm im Kampf gegen das Netz den Robin mimen würde. Die Suche danach fällt natürlich leichter, wenn man dessen Taschengeld davon abhängig macht.

Und so tingelte er mit, der Kleine, und erzählte stolz, wie klug sein Vater doch gewesen sei, als er ihm den Zugang zum Internet verbot und seine Konsole noch dazu. Wahrscheinlich wird man ihn demnächst als Konfessionslosen aus dem Informatikunterricht reißen. Für Manfred Spitzer aber ist sein Sohn ein Totschlagargument. „Wie, das Internet macht nicht dumm? Mein Bub sieht das aber anders.“ Und der Bub steht brav auf, referiert über seinen weitsichtigen Vater mit der Einsicht, die nur das an den Tag legt, was man ihr vorher in den Mund legt, und Spitzer lehnt sich zurück und freut sich still darüber, dass neben seiner Mutter noch jemand sagt, wie cool ihr kleiner Schreiberling doch ist.

„Schon als Baby hat er den Taschenrechner IMMER weggeschmissen“
Foto: Udo Grimberg

Sich Verstärkung aus der eigenen Familie zu holen, wirkt billig, ist aber in seiner niveaulosen Art ein Musterbeispiel für das ideale Verhalten als Talk-Show-Gast. Bei Günther Jauch sucht niemand Konsens und wer bei den all den Wills und Maischbergern nicht wütend auf den Tisch klopfen kann, hat sich die Gummibärchen auf demselben nun mal nicht verdient. Die Lektion, die Britt und Kiesbauer schon in den 90er Jahren erkannten, gilt auch für das als Bildungsfernsehen getarnte Reality-TV namens öffentlich-rechtliches Abendprogramm.

Talkshows sind Streitshows, messen Quote in Dezibel und werden von Redakteuren in exakt dieser Hinsicht optimiert. Das kann man ihnen vorwerfen, vergisst dabei aber, dass das arme Format auch ohne seine Hintermänner nie eine Chance hatte. Der Grund dafür: die Gäste. Egal wie viele Experten und Forscher ein Sender einlädt, sie stehen doch immer den selben zwei Arten von gleichsam lauten wie überrepräsentierten Menschen gegenüber, Autoren nämlich und Politikern. Und mag sie auch in ihrer Persönlichkeit nicht viel einen, ihr gemeinsamer Feind heißt Einsicht weil ihre gemeinsame Ware ein Produkt ist.

Ein Blick auf den Immobilienmarkt zeigt, dass kein erfolgreicher Makler je auf U-Bahnen unter seinen Wohnungen hingewiesen hat. Oder Flugzeuge darüber. Oder wilde Tiere darin. Ein erfolgreicher Makler erzählt von den tollen Restaurants in der Umgebung, dem geräumigen Keller und dem gemütlichen Wohnzimmer, in dem man so fein beinand‘ sitzt, dass die fehlende Heizung gar nicht auffällt. Er lügt dabei wie gedruckt, muss sich aber nicht fürchten: Bis zum nächsten Hauskauf sind die schlimmsten Unwahrheiten vergessen, die Google-Suche nach Immobilienmaklern führt zurück zu den faulen Wurzeln. Mögliche Alternativen verhalten sich im besten Fall je eh nur gleich. Was der Verkaufswert für den Makler ist, sind Wählerstimmen und Auflagenstärke für ihre respektiven Talk-Äquivalenten. Unsicherheit und kluges Abwägen mögen zwar sozial erwartete Tugenden sein, für das Verkaufsgespräch aber sind sie Gift. Kein potentieller Kunde will unsichere Produzenten sehen, Schwäche in der Diskussion überträgt sich direkt auf Schwäche in der angebotenen Ware. Rückrufaktionen zerstören nun mal jedes Markenimage und „Ich weiß das grad nicht“ sagen höchstens diese Dilettanten von Piraten. Damit ist schon vor Beginn der Sendung jedes Gespräch im Keim erstickt und die spannendste Wendung, das Live-Ändern einer Meinung, verläuft sich im Drehbuch unter Alternativ-Ende 26.

Manfred Spitzer muss das Ganze nicht interessieren. Er wird weiter verkaufen und weiter verdienen und selbstbewusst darüber schimpfen, dass all die Nullen und Einsen unser Gehirn verwirren. Und ja, bei dieser Meinung wird er auch dann bleiben, wenn er erfährt, dass sein Werk als eBook erhältlich ist.

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