Und dann fing der Sommer an…

Geschrieben für den Wettbewerb “Und dann fing der Sommer an…” (jetzt.de)

Als Markus mich aus seinen Armen entließ und ich mit großer Geste seine Wange streifte, konnte ich mich nicht des Gedankens erwehren, dass hier irgend etwas gehörig falsch lief. Der Name seines Großvaters war nicht viel mehr als genealogisches Geplänkel, charakterlich hatte er rein gar nichts mit ihm gemein. Der Winter hatte Markus verhärtet, sein Körperbau überstieg sein Alter in Masse und Eindruck und weckte Erinnerungen an den antiken Wohnzimmerschrank, den unser Vater in ein zweckmäßiges Gefrierfach verwandelt hatte. Markus sprach nicht (wir machten wöchentlich den Fehler, seine Stille für inszenierten Intellekt zu halten), auch der Moment, in dem mein Füße ihre Funktion aussetzen, entlockte ihm kaum mehr als ein halb vergessenes Grinsen, sekundenschnell korrigiert.
Die vergangenen Monate hatten den faden Geschmack des schlechten Verlierers in meinen Rachen gepflanzt und ich schämte mich dafür, es vergrämt in mich hineinzutragen wie die Beine eines zerkratzen Konzertflügels. Mein Gepäck stand in der zweiten Reihe und auch wenn es logistisch gesehen seine Gründe gegeben haben mag, im Augenblick verfloss mein Mitleid in breite Abscheu.

Ich stolperte und fing mich.

Ich tropfte nun schon seit Stunden, unfähig den kleinsten Fetzen Stoff um meine nasse Haut zu legen. Krankheitsvorsorge zählte nicht zu seinen Prioritäten und die Vorstellung, seinen schwächelnden Körper auf einer Tragbahre zu sehen, war billigstes Gedanken-Kabarett. Markus wurde nicht krank, weil er nicht krank werden wollte, und weil er nicht krank werden wollte, kam es niemandem in den Sinn, ihn nach seinem Gesundheitszustand zu fragen. Sein monotones Begrüßung-Summen erklärte ihn für lebendig, und das war mehr, als man ihm vor wenigen Wochen zugetraut hätte.

Ich… Ich zeichne ein Bild, das nicht der Wahrheit entspricht und dafür, dafür möchte ich mich aufrichtig entschuldigen.

Markus hatte einen weichen Kern, den haben sie alle, und die ermunternden Zurufe unserer Mutter bestätigten ihn in all seiner Elastizität. Er reagierte selbstverständlich nicht darauf, ein strenger Blick, den ich ihr zuwarf, musste ausreichen. Mama schwieg.
Ich erinnere mich kaum an den Abend, an dem Markus seine Fassade neu einkleidete, trotz meines guten Gedächtnisses klaffte eine große Lücke in all unseren gemeinsamen Erlebnissen. Doch unsere Beziehung war kein Werk von Buchmachern, der Schwebezustand reichte uns zur Genüge, das galt auch und insbesondere für den Abend des 13. Augusts 1998.

Markus stürzte nach vorn und erklärte meinen schwachbrüstigen Balanceakt für ungültig. Ich gab nach.

Meine Beine waren blutig und die Füße in meinen halboffenen Sandalen hatten dem sie umgebenden Sand wenig entgegenzusetzen. Ich weinte, als Markus mich auf den Stufen unserer Kapelle fand. Während er mich hochhob und leise einen unpassend förmlichen Gruß in mein Haar murmelte, sah ich, wie sie enttäuscht das Weite suchten, Schritt für Schritt, respektvoll und unterwürfig, wie man es von allen erwartete, nur eben nicht von ihnen. Markus hatte die Leuchtkraft eines Nebelscheinwerfers und das schwach glimmende Grün seines Taschenrechners war Grund genug, seine Erscheinung für ein Wunder zu halten. Als er das blinde Vertrauen in meinen Augen ausmachen konnte, lachte er, laut und liebevoll, bevor er sich augenrollend abwandte.
Wie konnte das alles passieren? Wie?

Meine Haare hielten das Wasser bereits fest im Griff.

Als man vor einem knappen Monat das Zimmer meines Bruders durchsuchte, konnte von Scham keine Rede sein. Markus wartete gelassen auf den unausweichlichen Fund und kommentierte nicht. Auf meine zaghaften Blicke antwortete er, wie er es immer tat, die Augen einer neugierigen Zwölfjährigen hatten es nicht anders verdient, sagte ich mir. Man beließ es bei Verwarnungen und guten Wünschen für die Zukunft, doch kopfschüttelnd durchexerzierte Verabschiedungen ziehen selten erfolgreiche Karrieren nach sich. Markus zog sich seinerseits zurück und hielt wochenlang Stellung, während Spinat und Dosenfleisch im defekten Gefrierschrank zu faulen begannen. Niemand von uns hatte es bemerkt.

Unsere Mutter klatschte und stampfte mit Gummisohlen auf den heißen Steinboden. Der Beckenrand war zur Anklagebank geworden und niemand hatte den Mut, ihn daran zu hindern. Ich kauerte mit vollen Lungen und geschlossenen Augen, meinen Freispruch konnte man mir auch per Post schicken.

Der Sommer kam noch bevor wir unsere Mäntel abgenommen hatten.

(ar)

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