Runner’s High

Hallo, lieber Leser.

Da du mich gefunden hast bitte ich Dich, genau hier an diesem Ort kurz zu verweilen, denn es geht um ein Experiment! Es ist auch ganz einfach. Hörst du noch zu? Ich sage dir, es ist wirklich ganz simpel und in weniger als 10 Minuten kannst du auch wieder das tun, was dir eigentlich zu Gemüte gestanden ist. Und wenn du absichtlich vorbei gekommen bist, noch besser! Du wirst sehen, es wird richtig spannend.

Stell dir einen typischen, mitteleuropäischen Mann im Alter von 25 Jahren vor. Ca. 1,80 groß, schlanke Taille, breite Schultern und kurze Haare. Einen leichten Bauchansatz nach vorne hat er, denn auch an ihm sollen seine bisherigen Freuden nicht unwirksam geblieben sein. Sein Name ist nicht von Bedeutung, wir brauchen ihn nicht, denn er repräsentiert nicht eine Person sondern eine Geschichte, und genau das ist das Wichtige an unserem Mann! Er stellt einen Zugang dar, eine Pforte zu einer Erkenntnis, zu einer Erfahrung, die in einer Geschichte mündet. Du magst doch Geschichten? Ich glaube, im Orbit gibt es mehr Geschichten als Sterne. Und jetzt stelle dir unseren Protagonisten unter just jenem Sternenhimmel vor. Er läuft. Auf einem Gehweg entlang eines Zauns. Rechts von ihm ist der Radweg, links, hinter dem Zaun, die Böschung, dahinter ein Fluss, in dem Lichter erleuchten und wieder verschwimmen. Er läuft… Es ist keine Flucht, kein Wettlauf, kein Marathon. Ein Schritt folgt dem nächsten, ohne dass der vorhergehende ein wichtiger war oder der übernächste plötzlich wichtig werden würde, er könnte es werden, aber er wird es nicht. Er blickt nicht zu Boden, sondern geradeaus, fixiert die Unterführung auf die er zuläuft und aus der, wie Phönixe, die Menschen und Fahrräder entgegenkommen, die er nicht beachtet. Er kommt auf die andere Seite, rechts türmen sich nun Glasbauten, moderne Architekturen immer älter werdend bis hin zur 300 Jahre alten Universität, so als laufe er durch die Geschichte; aber links, da liegt der Fluss, seit 300 Jahren derselbe, stets in die gleiche Richtung fließend. Die Melancholie der Vergänglichkeit! Ein junges Paar erschrickt, weil er so nah an ihnen vorbeiläuft, ohne dass er sie gewarnt hätte, was ihnen gelegen kommt, denn gemeinsame Feinde braucht der Suchende, und ihre Unmutsbekenntnisse interessieren ihn nicht, mit jedem Schritt entfernen sich ihre Worte, denen sie nicht entbehren konnten, bis sie niemanden mehr erreichen außer sie selbst und die Nacht, denn der Nacht kann man alles sagen. Sie entblößt keine Lügen und Intrigen, sie ist der Gantenbein, den jeder kennt und jeder sieht. Auch er kennt Gantenbein… Er läuft nun durch einen Park auf unebener Strecke, durchzogen von Buckeln und Spalten, schlecht beleuchtet noch dazu, und plötzlich gilt seine Aufmerksamkeit nicht mehr seinen Gedanken sondern seinen Schritten, die er nun wichtig nimmt, zwangsweise, möchte er nicht hinfallen. Doch er weiß: die Nichtigkeit seiner Lauferei wird ihn wieder einfangen, und das tut sie auch (erbarmungslos in ihrer Nüchternheit) – spätestens nachdem er die Brücke überquert hat und wieder in die Richtung zu sich nach Hause läuft, jetzt abwärts und das Tempo erhöhend. Er läuft am Limit und die Bilder, die jetzt in sein Auge schießen, sind die Qualen vor denen er davon läuft. Eine junge Frau steht vor ihm, dem armen dummen Jungen mit dem glasigen Blick und der gelähmten Körperhaltung, die er plötzlich wegwirft und schreit und bettelt und fleht, seine Würde vor ihre Schuhe werfend, um Gnade winselnd. Ein beschämendes Schauspiel und doch so alltäglich! Er rennt, keucht und schnauft,  und erwartet sehnsüchtig, dass die Schmerzen ihn vergewaltigen, ihn zum Stehenbleiben zwingen, so dass ihn die Seligkeit der Erschöpfung erfassen kann, die er so dringend braucht, um die er kämpft. Und als sie ihn endlich übermannt bricht er in trockenes Husten aus, die Lungen brennen, ob der kalten Luft, Tränen kommen, aber er taumelt weiter, bis die Grausamkeit, die in seinen Beinen waltet, ihn endgültig zum Stehen bringt. Mit dem zu Boden gesenkten Haupt, dem mit den Händen auf den Knien abgestützten Oberkörper, dem den Dampf des Atems entkräftet hinauspressenden Bauch vollzieht sich die Elimination all dessen, was ihn zuvor getrieben hatte, und erst mit der neuerlichen Erhebung des ganzen Körpers fällt alles ab und wird frei. Jetzt, anhand des eisigen Windes, der ihn wegen seiner durchnässten Kleidung frieren lässt, bemerkt er die zuvor betriebene Anstrengung und läuft wieder los, um dem Frost zu entkommen (Das Weltliche hat ihn wieder). Er trabt mit lockerem Schritt weiter, westwärts, weg vom Fluss, in Richtung der Hügel. Die Jagd ist vorüber und die Einsamkeit wird wieder sein Partner werden. Er biegt ab, zwei- dreimal, überquert Straßen und Ampeln ohne fremde Begegnungen, bis er die lange Gerade erreicht auf der Geh- und Radweg gemeinsam verlaufen und nun diesen entlang läuft. Er hört, dass sich von hinten ein Fahrrad nähert, und als es sich neben ihn setzt, sieht er, dass ein unbekanntes Mädchen im Sattel sitzt, das Gesicht eingehüllt in Jacke, Mütze und Schal. Sie überholt ihn nicht, was ihn verwundert, sondern fährt neben ihm her, links der Jogger, rechts das Mädchen mit Mütze, mit dem Fahrrad, dem das Rücklicht fehlt. Obwohl kein Wort fällt, sind sie sich einig. Sie brauchen sich. Eine Kreuzung unterbricht ihre Gemeinsamkeit, stellt sich quer und trennt die Beiden, bis sie sich nach der Unterführung erneut begegnen und wieder nebeneinander durch die Nacht gleiten. Zweihundert Meter sind sie noch unzertrennlich, bis ihr Fahrrad plötzlich nicht links abbiegt und mit ihr geradewegs in der Nacht verschwindet, so wie es gekommen war: mit einem Geräusch. Und er weiß: er hätte ihr folgen sollen…

 

/jf

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