Frei.Wild verteidigen – Ein Versuch

Freiwild

Es ist September 2003. Eine junge Band steht unter öffentlichem Beschuss. Sie schreibt ihre Lieder in deutscher Sprache und hat damit annehmbar großen Erfolg. Vor kurzem brachte man sie jedoch in Verbindung mit rechtem Gedankengut, als Beweis für diese Anschuldigen fand man Textstellen, die eindeutig einer völkischen, nationalen Denkrichtung zugeordnet werden konnten. Eines ihrer Lieder wurde selbst von Neonazis gelobt, gefundenes Fressen also für Tageszeitungen, Blogs, Leserbriefe. Wie Frei.Wild? Nein ich spreche von Mia.

Die Elektrop-Musiker um Mieze Katz veröffentlichten 2003 ein Lied mit dem Titel „Was es ist“, das einen neuen, entspannten Umgang mit der deutschen Herkunft propagierte. In dem von Metaphern durchtränkten Text heißt es beispielsweise:

„Ein Schluck vom schwarzen Kaffee macht mich wach. 
Dein roter Mund berührt mich sacht. 
In diesem Augenblick, es klickt, geht die gelbe Sonne auf”

Malen nach Zahlen mit deutschen Nationalfarben, dass damals ebenso dümmlich daherkam, wie es vom linken Lager zerfetzt wurde.  Trotz selbstverständlicher Ablehnung jeglicher Vereinnahmung kam es selbst 2 Jahre später noch zu Protesten gegen Auftritte der Band.

Mia. ist eine der Bands, die durch ihren Protest Auslöser dafür war, dass die Brixner Band Frei.Wild aus den Echo-nominierten Musikgruppen ausgeschlossen wurde.

Nun ist es so, dass es jeder Faser meines Körpers widerstrebt, Frei.Wild zu verteidigen, und das liegt nicht nur an krawalligem Deutschrock, der hauptsächlich durch Lautstärke brilliert und damit musikalisch ebenso versiert daherkommt wie ein Meterstück Leitplanke. Es liegt auch an Texten, die abgesehen von tonnenweise unreinen Reimen Gedankengut mit sich tragen, mit dem die österreichische und südtirolerische Rechte liebend gerne spielt. Spielregeln: Jeder tanzt ums Feuer, wirft immer wieder mal ein nationalistisch besetztes Wort hinein und freut sich über die verbrannte Erde, die das ganze Zündeln hinterlässt. Ein Tropfen „Volk“, ein Scheit „Heimat“, ein paar Äste „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“ There is no such thing as bad publicity.

Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite jedoch steht eine Lücke, die Bands wie Kraftklub und die Toten Hosen am liebsten ignorieren würden. Eine Lücke die zu einem großen Teil aus Ex-Onkelz-Fans und zu einem kleinen Teil aus Neonazis und Skinheads befüllt wird. Eine Lücke, aus der nicht nur die Freiheitlichen, sondern auch klassische, konservative Parteien ihre Wählerschaft schöpfen. Kraftklub und seine Mitstreiter  (Frei.Wild nennt sie „Gutmenschen“ und spielt damit leider erneut mit rechten Bezeichnungen) begegnen solchen gesellschaftlichen Herausforderungen mit Übertönung und Ignoranz. Weil es das „Problem“ junger Menschen mit stark konservativen Werten nicht geben darf, blendet man es aus, polemisiert gegen Bands und rückt selbst unbescholtenen Fans mit der Nazikeule auf die Pelle. Damit verschenkt man Diskussionen, befeuert das Lagerdenken und verhindert den Dialog über den tatsächlichen „Wert“ dieser „heimatlichen Werte“.

Es überrascht nicht, dass dies alles im Rahmen des Echos passiert, der political correctness als political ignorance missversteht. Ein Musikpreis, der Kontroversen derart scheut, dass er für seine Nominierungen keine Kritikermeinungen berücksichtigt , sondern ausschließlich aus anonymen Verkaufszahlen errechnet, wen er in seinen erlesenen Kreis aufnehmen soll, kann auf diskussionswürdige Fragen gar nicht anders reagieren. Damit ist er selbstverständlich auch den meisten nominierten Bands herzlich egal, bietet aber eine wunderbare Bühne für Possen, die genau das Gegenteil von dem bewirken, was sie eigentlich im Sinn haben. Frei.wild aus dem Echo auszuschließen war für alle Beteiligten eine günstige Gelegenheit, sich politisch zu profilieren: Mia und Kraftklub konnten sich erfolgreich in den öffentlichen Diskurs katapultieren und Frei.wild durfte mal wieder den unpolitischen Gandhi spielen („Wir wünschen allen verbleibenden Bands viel Spaß und freuen uns auf die Tour. […] Zum Glück haben wir noch keine Flüge gebucht.“). Der obligatorische Shitstorm wurde an die Fans delegiert. Dass der Rechte Rand, der, wie auch die Band kaum leugnen kann, durchaus einen Teil ihrer Hörerschaft ausmacht, diese Chance ebenso nutzen wird, ist aber Realität. Onkelz-Mitglied und Mitproduzent Gonzo etwa spielte in sozialen Netzwerken beinahe sofort die Das-sind-die-neuen-Nazis-Karte (und ist damit vom inoffiziellen FPÖ-Wahlspruch „Wir sind die neuen Juden“ gar nicht weit enfernt), derweil bringen sich die üblichen „Gutmenschen“-Hetzer bereits in Stellung. Merkt eigentlich niemand, was man mit diesen ständigen Nazivorwürfen anrichtet?

Selbstverständlich sind Frei.wild keine Neonazis, auch sie sind nicht völlig geschichtsblind. Aber sie teilen einen guten Teil ihres Vokabulars mit einer Szene, die, entsprechende soziale Bedingungen vorausgesetzt, durchaus zum gesellschaftlichen Problem werden kann. Gerade Kraftklub sollte sich damit auskennen, das Bundesland Sachsen, aus dem die Band stammt, ist eine Hochburg des rechten Spektrums.Im Gegensatz zu Abgeordneten der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands, die ähnliche Aussagen ins hundertfache verstärkt, und damit selbst ihre schärfsten Mitglieder verprellen, sind die politischen Aussagen Frei.wilds längst Teil der gesellschaftlichen Mitte. Publikative.org, einer der schärfsten Frei.wild-Kritiker beklagt etwa eine Textzeile in der zur Erhaltung der Schul-Kruzifixe aufgerufen wird als Teil des „rechtsradikalen Diskurses.“ Aha, der CSU-Parteitag darf dann wohl auch gleich wegen Wiederbetätigung festgenommen werden. So werden weitgehend sinnbefreite, politische Gretchenfragen zum relevanten Thema hochstilisiert, während parallel dazu selbst von etablierten Parteien gegen Asylantenmissbrauch und Zuwanderung gehetzt werden darf. Da sind ja aber auch keine bösen Gitarrenakkorde druntergelegt.

Was wir stattdessen tun sollten? Mit der Band diskutieren, ihre Aussagen einordnen, ihre Wirkung betrachten. Wo sind die Interviews, in denen Frei.Wild mit Details ihrer Songtexte seriös konfrontiert wird? „Was bedeutet das Wort Volk für euch?“, „Ist political correctness  ein Schimpfwort?“, „Versteht ihr, dass manche eurer Begriffe in einem anderen Kontext gesehen werden können?“. Es ist mit unsere Schuld, dass Frei.wild sich nicht mit derartigen Fragen beschäftigen muss, to-heil-or-not-to-heil ist da doch viel interessanter. Dabei kann es Frei.Wild noch so oft betonen, sie existieren nicht in einem politischen Vakuum. Selbstverständlich sind ihre Äußerungen meist unpolitisch gemeint, aber ebenso selbstverständlich können sie latent rechten Gruppierungen zur Instrumentalisierung dienen, die Voraussetzungen dazu waren und sind vorhanden. Stattdessen schaffen es selbst Qualitätsmedien wie die deutsche „Zeit“ nicht, das Narrativ der Naziromantik zu durchbrechen und im Rahmen einer „umfassenden“ Recherche Vertreter der Band um eine Stellungnahme zu bitten.

Womit wir wieder bei Mia. wären. Als die Diskussion um „Was es ist“ aufflammte, wäre es interessant gewesen, unvoreingenommen über den deutschen Heimatbegriff zu diskutieren und was es bedeutet, die Farben einer Fahne in einem Liedtext zu besingen. Stattdessen wurde das Thema bis zur Fußballweltmeisterschaft geschleppt, wo buchstäblich reale Fahnen die Frage ins tägliche Blicklicht rückten. Wir sollten bei Frei.wild nicht den selben Fehler machen. Schicken wir doch Migranten als Interviewer, vereinbaren wir doch Termine im chinesischen Restaurant, zwingen wir doch Frei.wild zu Stellungnahmen, die über das simple „Wir hassen Nazis“ hinausgehen. Im besten Fall äußern sie progressive Gedanken und stellen sich der Diskussion um ihre Liedtexte (und nehmen damit im Handumdrehen den Wind aus dem rechten Flügel ihrer Fans), im schlimmsten Fall wird eine tatsächlich xenophobe, aggressive, Blut-und-Boden-Band demaskiert. Das Ergebnis: eine Win-Win-Situation: Wir haben endlich mal sachlich diskutiert und Frei.Wild, Mia. und alle anderen Bands mit Punkt im Namen können endlich zurück zu dem gehen, was sie am besten können am liebsten tun. Musik machen.

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3 Antworten zu “Frei.Wild verteidigen – Ein Versuch

  1. Mit Abstand das Gescheiteste, das ich zu Frei.Wild gelesen habe. Man könnte dem Gaul tatsächlich mal ins Maul schauen und auf den Zahn fühlen, dann zeigt sich, was er für ein Gebiss hat. So ein Win-Win-Szenario sollte doch eigentlich genug Anreiz sein, also los, Qualitätsmedien, auf in den Kampf!

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